Mord im Brezelkäfer

Roman von Dr. Ulrich von Pidoll


1. Ein seltsamer Geselle

Ich erinnere mich noch sehr genau an den Tag, der mein Leben verändern sollte wie kein zweiter. Es war der erste Schultag meines 12. Schuljahres am Goethe-Gymnasium in Darmstadt Anfang der 50er Jahre. Nach dem obligatorischen Gottesdienst in der St. Elisabeth Kirche gingen wir zusammen mit unserer damaligen Klassenlehrerin, Frau Cornelia Stenzel, in unser Klassenzimmer. Ich werde nie vergessen, wie sie in ihrer typischen, majestätischen Haltung vor unserer Klasse stand. Sie trug wie immer eines ihrer altmodischen dunklen Kleider, und ihr ergrautes Haar war stets zu einem Dutt zusammengebunden. Frau Stenzel hatte gerade unsere persönlichen Daten in das dunkelblaue Klassenbuch eingetragen, als plötzlich die Klassentür aufsprang und ein frech grinsender Jüngling hereinplatzte.

„Hallo Fans“, rief er aus, während er dabei in unsere Richtung schaute und seine beiden Arme zur Begrüßung nach oben riß. Nach dieser Szene wandte er sich unserer Klassenlehrerin zu und sagte so höflich, wie es seine kieksende Stimme zuließ: „Guten Tag, gnädige Frau. Entschuldigen Sie meine Verspätung, aber ich musste da noch ein schmutziges Geschäft erledigen, sie wissen schon, hahaha. Mein Name ist übrigens Friedrich Fischer aus Fischbach, kurz Fisch-Fisch genannt. Ich gehöre auch noch zu dieser geschlossenen Gesellschaft hier, hahaha.“

Die alte Frau Stenzel verzog ihr Gesicht und ihr ergrautes Haar schien sich in diesem Augenblick noch grauer zu färben. Doch bereits nach einem kurzen Augenblick hatte sie sich wieder gefangen und antwortete mit strengem Blick: „Darf ich Sie in Zukunft um etwas mehr Ernst bitten, Herr Fischer.“ „Fisch-Fisch, wenn ich bitten darf“, unterbrach sie der Neue. „Alle nennen mich Fisch-Fisch, ist doch viel kürzer und praktischer, gnädige Misses. Drum schreiben sie auf ihren Wisch: Mit dabei ist auch Fisch-Fisch, hahaha“.

Jetzt konnten wir uns nicht mehr zurückhalten, und die ganze Klasse brüllte vor Lachen. Lediglich Frau Stenzel lachte nicht, sondern sie verpasste Fisch-Fisch eine schallende Backpfeife. „Das ist für dein ungebührliches Benehmen. Ich hoffe, es ist dir eine Lehre“. Aber Fisch-Fisch grinste nur frech weiter und sagte zu unserer grenzenlosen Überraschung „Das macht mir alles nichts aus“, wobei er das Wort „alles“ ganz besonders betonte. „Dann macht es Ihnen auch bestimmt nichts aus, heute eine Stunde länger zu bleiben“, antwortete Frau Stenzel ungerührt. „Warum nicht“, entgegnete der Neue mit einem höhnischen Lächeln auf den Lippen, „es ist doch sowieso schlechtes Wetter heute“.    

Mein erster Eindruck von dieser Szene war, daß Fisch-Fisch für Belustigung und Abwechslung in unserer Klasse sorgen würde. Das konnten wir ohne Frage auch gut gebrauchen, denn in unserer Klasse ging es ansonsten ziemlich langweilig zu. Und deshalb betrachtete ich es zu diesem Zeitpunkt sogar als angenehm, dass Frau Stenzel unseren Neuzugang gerade neben mich setzte. Denn ich war in dieser Klasse eher ein Außenseiter. Aus diesem Grunde wollte sich ja auch niemand neben mich setzen.

Mein neuer Banknachbar war mittelgroß, ausgesprochen mager, und sein schmales, spitzes Gesicht erinnerte mich irgendwie an eine Ratte. Auf seinem Kopf trug er einen mittellangen, struppigen Haarschnitt. Seine Haare waren dunkel, sein Barthaar allenfalls als etwas Flaum zu bezeichnen. Im krassen Gegensatz zu seinem ansonsten eher trägen Körper standen seine braunen Knopfaugen, die voller Jugend und Lebensfreude blinzelten. Seine Kleidung wirkte ärmlich. Er trug einen rostfarbenen Pullover, braune Hosen mit großen Flicken und ein paar abgetragene Schuhe, die früher einmal weiß waren. Aus heutiger Sicht kann ich hinzufügen, daß er den rostfarbenen Pullover, die geflickten Hosen und die „weißen“ Schuhe an jeden Tag seiner ganzen Schulzeit tragen sollte.

Ich machte einen kleinen Diener, und begrüßte Fisch-Fisch mit den Worten „Hallo, ich heiße Name ist Ulrich von Pidoll“. „Angenehm, von den Socken, hahaha,“ erwiderte der Neue frech, „wir werden sicher noch viel Spaß miteinander haben, Ulli-Schnulli. Das Leben ist ja soo langweilig, da braucht man doch ein bißchen Belustigung und Spaß. Wie alt bist du eigentlich?“

Ich zuckte bei dem Begriff „Ulli-Schnulli“ zusammen und verpasste Fisch-Fisch mit den Worten „Hey, nicht so frech Kleiner: Da hast du einen Schlag zur Beruhigung“ einen heftigen Boxhieb. Anschließend antwortete ich wahrheitsgemäß: „Übrigens bin ich 17 Jahre alt“. Überraschenderweise schlug Fisch-Fisch nicht zurück, sondern sagte spitz: „Was, schon 17? Iiihhh, du siehst viel jünger aus, hahaha. Armer Junge, so ein Milchbubi wie du hat sicher wenig Chancen bei den Weibern. Aber da habe ich einen guten Tip für dich. Du gehst einfach zu einer auf der Strasse hin und sagst: „Entschuldige, ich bin hier fremd. Kannst du mir den Weg zu deiner Wohnung zeigen?“, hahaha“.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist mir klar geworden, daß ich mit meinem neuen Nachbar nicht das große Los gezogen habe. Fisch-Fisch hatte eine Art von Humor, sich auf Kosten anderer zu belustigen, die ich widerlich fand und über die ich überhaupt nicht lachen konnte.

Und dennoch war ich irgendwie von seiner Art fasziniert. Dinge, über die ich mich immer ärgerte, steckte er einfach weg, als wenn es nichts wäre. Außerdem war es mir gegenüber eigentlich immer anhänglich und treu wie ein Hund. Vielleicht lag dies daran, dass auch er so ein ungeliebter Außenseiter war wie ich. Und im übrigen konnte ich sicher sein, daß er, körperlich schwach und häßlich, wie er nun einmal war, mir auf keinen Fall meine Freundin ausspannen würde. Zugegeben, er war oft sehr sarkastisch und manchmal auch recht lästig, aber ich denke, dass ich damals doch eher froh war, in dieser Klasse wenigstens einen Menschen um mich zu haben, der mir Sympathie entgegenbrachte.

Schon bald mussten meine Klassenkameraden unter meinem neuen Banknachbarn leiden. Fisch-Fisch stahl Schulhefte, strich die Schulbänke mit Klebstoff ein, und ärgerte ständig jeden in unserer Klasse. Er hatte eine unerträglich höhnische Art, andere Leute zu provozieren und auszulachen, und war deshalb ständig in irgendwelche Schlägereien verwickelt. Bei dieser Gelegenheit musste ich erkennen, dass seine größte Stärke seine außergewöhnlichen Nehmerqualitäten waren. Er tänzelte vor dem provozierten Opfer und lachte es aus, weil es zu schwach war, ihm ernsthaft weh zu tun. Und je fester es zuschlug, desto lauter hat er gelacht. Höhnisch hat er gelacht.

Ein typisches Beispiel hierfür war sein erster Kampf mit unserem Klassenschläger Adolf Schmidt, der von uns respektvoll den Spitznamen „der starke Adolf“ erhielt. Unserem Schläger gingen wir alle soweit wie möglich aus dem Weg, wussten wir doch aus Erfahrung wie furchtbar seine „rauchende Rechte“ war. Aber das galt natürlich nicht für unseren Fisch-Fisch. Obwohl ich ihn schon am ersten Tag vor dem starken Adolf gewarnt hatte, fing er schon bald an, ihn zu provozieren. Und so dauerte es nicht lange, bis Adolf ihn fragte: „Na Fisch-Fisch, wie wäre es mit einem kleinen Kämpfchen?“ „Natürlich, ist doch ganz klar“, entgegnete Fisch-Fisch siegesgewiß. War er der Igel im Kampf gegen eine Bulldogge?

Fisch-Fisch begann, mit seinen Fäusten einige elegante Finten in die Luft zu schlagen, sodass ein lautes Raunen durch das Publikum ging. Schnelle Fäuste hatte er ja, aber was wollte dieses schmale Handtuch gegen unseren Muskelprotz ausrichten?

„Komm, wir brechen den Kampf ab“, sagte der starke Adolf, „ich kämpfe nicht gegen einen mit einem Leberschaden“. „Ja, ja, gib auf, Fisch-Fisch, gib auf, du hast keine Chance“, tönte es auch von den Zuschauern. Aber Fisch-Fisch rief mit einer Entrüstung, als sollte er die ganzen Wiedergutmachungszahlungen Deutschlands aus eigener Tasche bezahlen: „Niemals! Außerdem habe ich keinen Leberschaden.“ Und eröffnete den Kampf mit ein paar Fausthieben in Richtung Adolf.

Doch seine schwächlichen Fausthiebe riefen im Publikum eher Heiterkeit hervor. Sie waren so harmlos wie die Hand eines Eisverkäufers, der Kindern ein Eis hinhielt. Und nach ein paar von Fisch-Fischs Schlägen setzte Adolf zu seiner ersten Attacke an. Er täuschte einen Schlag mit seiner Rechten zum Kopf vom Fisch-Fisch vor, dieser zog seine Hände zur Abwehr nach oben, und Adolf setzte eine kurze trockene Linke genau auf die Leber von Fisch-Fisch.

Es war ein fürchterlicher Schlag. Uns blieb der Atem weg, als wir sahen, wie tief sich seine feste Faust unter den asketischen Rippenbogen bohrte.

Fisch-Fisch ging einen Schritt zurück, bekam ein Gesicht rot wie ein Feuerlöscher, und fing dann schrecklich an zu schnaufen. „Seht ihn euch an“, dozierte Adolf triumphierend, „die typischen Symptome eines Leberschadens: Die geschwollene, kranke Leber verursacht Übelkeit und zwingt zum tiefen Ein- und Ausatmen. Kein Zweifel, unser Freund hat einen Leberschaden. Gib auf, Fisch-Fisch, gib auf“. „Niemals! Ich habe keinen Leberschaden“, entgegnete Fisch-Fisch empört, und begann wieder eine Attacke gegen Schmidt. Das Publikum war jetzt zweigeteilt. Die einen hatten Mitlied und riefen: „Gib auf, Fisch-Fisch, gib auf! Du hast keine Chance“, die anderen wollten noch mehr Blut sehen und schrieen: „Steck’s weg, Fisch-Fisch, steck’s weg“.

Und der Fisch-Fisch griff wieder an, diesmal mit seiner Linken. Dabei hielt er seinen rechten Ellenbogen schützend vor seine Leber. Doch der starke Adolf fackelte nicht lange und zielte mit seiner Rechten über die Schlaghand von Fisch-Fisch auf dessen linke Kinnspitze. Es war ein Schlag wie aus dem Lehrbuch: präzise, kraftvoll und mit dem ganzen Körpergewicht geschlagen. Ehe Fisch-Fisch sich versah, saß er mit seinem Hosenboden auf dem Schulhof. Und das Publikum fing schadenfroh an zu lachen: „Ja, ja, das macht mir alles nichts aus, hahaha“.

Fisch-Fisch versuchte, sofort wieder aufzustehen, aber seine Beine gehorchten ihm einfach nicht mehr. Sie zuckten wild umher, als er versuchte, aufzustehen. Es half alles nichts, er musste auf dem Boden bleiben und die höhnischen Worte der Zuschauer ertragen, während der starke Adolf von seiner zukünftigen Karriere als Profiboxer prahlte.

Nachdem das schadenfrohe Gelächter der Audienz abgeklungen war, hatte sich der Fisch-Fisch wieder gefangen und sagte respektvoll zu Adolf: „Nicht schlecht, alter Junge nicht schlecht. Aber um mir ernsthaft weh zu tun, mußt du noch ein paar Jahre üben“. Sprach’s, setzte sein typisches Grinsen auf und stand, wenn auch etwas mühevoll, wieder auf.

Als ich ihn später auf seinen Niederschlag ansprach, meinte er nur: „Ach was, so schlimm war das gar nicht, er hat mich ja gar nicht richtig getroffen“. Ich fragte ihn daraufhin, was er wohl unter einem richtigen Treffer verstehen würde. „Weißt du“, entgegnete er, „selbst wenn es mich einmal richtig erwischen sollte: auf meinen Betonschädel und meine eiserne Gesundheit ist immer Verlaß“.

Zweifellos genoß er es sogar, geschlagen zu werden. Immer wieder hörten wir sein höhnisches „Das macht mir alles nichts aus“, seine Standardreaktion auf Schläge oder Strafen der Lehrer. Er bekam Strafarbeiten, Schularrest, und Prügel von unserem Direktor. Während ich am Nachmittag meiner Freundin näher kam, musste Fisch-Fisch nachsitzen und Reagenzgläser spülen oder Gedichte abschreiben. Doch da mochte gerade kommen was wollte, der Fisch-Fisch, der hat immer nur gelacht. Höhnisch hat er gelacht.

Unter diesen Umständen war es nur zu verständlich, daß Fisch-Fisch bei fast allen in unserer Klasse so unbeliebt war wie eine lästige Stubenfliege. Nur bei unseren Schlägern, die Fisch-Fisch in seiner typisch sarkastischen Art „Gesellschaft für humanes Sterben“ nannte, war er als lebender Sandsack gern gesehen und durfte immer bei deren Sauftouren mitmachen. Denn den hohen Herren war es offensichtlich gelegen, immer einen Sündenbock dabei zu haben, wenn ihnen einmal nach körperlicher Betätigung zumute war. Am folgenden Schultag erschien der Fisch-Fisch dann gewöhnlich mit einer großen spiegelnden Sonnenbrille, die seine schlimmsten Blessuren verdeckten. Und durch die Klasse ging dann stets ein Raunen: „Mein Gott, den hat’s aber wieder mal erwischt“.

Die schulischen Leistungen Fisch-Fischs waren ungenügend. Er pflegte während des Unterrichts einzuschlafen und leere Blätter bei den Klassenarbeiten abzugeben. Als ihn unsere Frau Stenzel einmal hierauf ansprach, antwortete er spöttisch: „Wissen Sie, gnädige Frau, das Überwintern meiner sensiblen Gartenzwerge nimmt mich völlig in Anspruch.“ Und zu mir bemerkte er: „Schule ist doch ganz unwichtig. Ich brauche Unterhaltung und Belustigung, das Leben ist doch sonst so langweilig, hahaha“.

Schon nach kurzer Zeit bemerkte ich, dass der Fisch-Fisch ein Alkoholiker war. Ständig nippte er an seiner „flüssigen Nahrung“, wie er den Alkohol nannte. Fast hatte ich den Eindruck, dass erst der hohe Alkoholkonsum ihn so schmerzunempfindlich machte, wie er nun einmal war. Warnungen von unserer Seite, dass ein so hoher Alkoholkonsum schon bald zu einem Leberschaden führe, wischte er immer mit einem Lachen und dem Hinweis auf seinen Betonschädel und seine eiserne Gesundheit vom Tisch.

Da der Fisch-Fisch stets mit seiner eisernen Gesundheit prahlte, wurde er von uns gerne als Versuchskaninchen benutzt. So studierten wir an ihm zum Beispiel die Symptome der Alkoholvergiftung und die pharmakologischen Wirkungen von Rizinusöl und Brechweinstein. Wir waren in dieser Hinsicht nicht zimperlich, denn es war ja nur der Fisch-Fisch. Und verdient hatte er es in unseren Augen wegen seiner ständigen Schurkereien allemal. Doch da mochte gerade kommen was wollte, der Fisch-Fisch, der hat immer nur gelacht. Höhnisch hat er gelacht.

 

2. Tod ist Leben

Kurz vor den Weihnachtsferien stellten wir fest, dass immer nach der Chorstunde unsere Fahrräder einen Platten aufwiesen. Schnell waren wir uns einig, dass dies kein Zufall, sondern das Werk eines kriminellen Elementes sein musste. Wir beschlossen daher, die nächste Chorprobe zu schwänzen und dem Täter bei seinem frevelhaften Tun aufzulauern.

Die Chorstunde war immer dienstags in der ersten Stunde. Wir stellten unsere Fahrräder, so wie immer, in den offenen Schuppen und legten uns auf die Lauer. Groß Verstecken brauchten wir uns nicht, es war so ein trüber, nebliger Dezembertag, wo es so gar nicht richtig hell werden wollte. Wir harrten in der Kälte und starrten auf unsere Fahrräder, die wir alle nebeneinander geparkt hatten. Doch außer der feuchten Kälte bemerkten wir erst einmal nichts.

Längst hatte die Schulglocke zur ersten Stunde geläutet, und schon lange nicht mehr war ein Schüler an uns vorbeigegangen. Da, plötzlich schlich eine dunkle, schlanke Gestalt an uns vorbei. In dem dunklen Morgenlicht wirkte sie wie ein unwirkliches Gespenst, doch das Aufblitzen eines metallischen Gegenstandes in seiner Hand bewies, dass dieses Phantom doch natürliches Ursprungs sein musste.

Nachdem wir den ersten Schreck überwunden hatten, stürzten wir uns mit lautem Gebrüll auf den unbekannten Reifenstecher, doch der war auf den Angriff überraschend gut vorbereitet: Der Unbekannte reagierte wieselflink und rannte wie ein Hase an uns vorbei aus dem Schuppen heraus und in unser Toilettenhäuschen hinein. Dabei hatte er im Lauf seinen Anorak über den Kopf gezogen, sodass wir ihn nicht erkennen konnten. Wir stürzten hinterher in Richtung Toilette. Eine große Zuversicht überkam uns, denn in dem Toilettenhaus gab es nur eine einzige Eingangstür und ansonsten nur kippbare Oberlichter. Hier saß der Unbekannte in der Falle, und wir konnten ihn uns in aller Ruhe schnappen.

Adolf Schmidt hatte wohl den gleichen Gedanken. Er ging mit seiner Garde langsam und überlegt in das Toilettenhäuschen. Ich folgte ihnen neugierig. Das folgende Spektakel wollte ich nicht versäumen. Die Jungs schauten sich in der Toilette um. Sie war leer. Halt, das stimmt nicht ganz. Ganz leer war das Toilettenhaus nicht. An einer Kabine prangte das rote Schild für „belegt“. Einige der Jungs legten sich auf den Fußboden und schauten unter der Kabinentür hindurch. Sie sahen ein paar Schuhe, in denen eine leibliche Person stecken musste.

„Kommt Jungs, hier ist keiner“, rief Adolf und hielt dabei seinen Zeigefinger vor seinen Mund. Wir verstanden alle sofort. „Hast recht Adolf, hier ist niemand, lass uns woanders suchen“, pflichtete ihm ein anderer im Herausgehen bei. Draußen jedoch wurde der Adolf konkreter: „Eh, Max, geh mal zum Hausmeister und sag ihm, ein Sextaner hätte sich in der Toilette eingeschlossen und könne nicht mehr aufschließen. Lass dir den Vierkantschlüssel zum Öffnen von außen geben, kapiert? Und wimmle ihn ab, wenn er es selbst aufschließen will. Haste kapiert, du altes Sumpfhuhn?“ „Klar“, entgegnete Max, und verschwand in Richtung der Hausmeisterwohnung.

Einige Minuten später kam er mit triumpfierendem Gesichtsausdruck wieder zurück. Stolz zeigte er den erbeuteten Vierkantschlüssel. „Muss ich aber gleich wieder zurückgeben“, bemerkte er noch. Aber wir hörten ihm schon gar nicht mehr richtig zu. Mucksmäuschenstill schlichen wir auf Zehenspitzen wieder in die Toilette zurück. Wir wollten den Täter überraschen. Die bewusste Kabinentür war immer noch abgeschlossen und ich überzeugte mich selbst davon, dass die Schuhe immer noch in der Kabine standen. Ich sah ferner, dass der Übeltäter seine Hose nicht heruntergelassen hatte, sondern offensichtlich mit angezogener Hose auf dem Toilettensitz saß. Hier saß also eindeutig der Täter, daran gab es keinen Zweifel.

Mein Herz pochte bis zum Anschlag, und Adolf gab ständig Zeichen, ruhig zu bleiben. Leise setzte er den Vierkantschlüssel in das Schloss, er passte wie angegossen. Ich sah wie seine Muskeln sich anspannten, und dann war es soweit: Mit einem Ruck war der Schlüssel gedreht und die Tür geöffnet. Wir blickten in die entsetzten Augen des Täters, der mit diesem blitzschnellen Überfall nicht gerechnet hatte.

„Donnerwetter, sieh mal einer an! Sieh mal einer an!“ Adolf war sichtlich überrascht, als er denn Täter erkannte. Böse starrten uns die Augen vom Fisch-Fisch an. Das überraschende Moment war zu unseren Gunsten. Fisch-Fisch war wie gelähmt, er versuchte erst gar nicht, zu fliehen. Er starrte uns an, wir starrten ihn an, gelähmt wie ein Kaninchen, das von einer Schlange fixiert wird. Und dennoch war es der Fisch-Fisch, der die ersten Worte sprach.

„Ich mache euch einen Vorschlag zur Güte. Wenn ihr mir nichts tut, dann tue ich euch auch nichts“, schlug er seelenruhig vor. Wir konnten uns den Bauch nicht halten vor Lachen und brüllten vor Vergnügen. In dem Gelächter konnte man Bemerkungen wie „Der hat Nerven“ hören. Sogar der Fisch-Fisch hat mitgelacht. Wir lachten solange, bis Adolf eine Handbewegung machte und sofort eine Totenstille eintrat, in der man eine Stecknadel hätte fallen hören können.

Adolf setzte jetzt ein strahlendes Lächeln auf und sprach: „In dieser feierlichen Stunde, meine lieben Freunde, muss ich eine kleine Rede halten. Einer unserer Freunde hat beschlossen, uns zu verlassen, und ich kann nicht umhin, einige pietätische Worte hierzu zu verlieren. Viele Leute sagen, dass der Tod das Ende des Lebens ist. Aber ich glaube, das stimmt nicht. Ich glaube vielmehr an das, was in einem englischen Lied gesungen wird: death is life, Tod ist Leben“.

„Was soll das denn?“, bemerkte Fisch-Fisch daraufhin erstaunt, „ich verstehe immer nur Tod?“ „Ja hast du’s denn immer noch nicht kapiert, du alter Gauner du? Jetzt wird gestorben, hahaha“. Deutlich war zu erkennen, dass Adolf das hämische Lachen vom Fisch-Fisch nachzumachen versuchte. „Was hältst du davon: wir packen dich, den Friedrich Fischer und den Fisch-Fisch in einen Sack und dann darf jeder einmal mit einer Holzlatte draufschlagen. Ich garantiere dir, es trifft immer den Richtigen, hahaha“. Adolf war sehr heiter geworden, er fand seine kleine Rede sehr amüsant.

Doch Fisch-Fisch war da ganz anderer Ansicht. Sein Gesicht verfinsterte sich wie eine schwere Gewitterwolke, dann fiel er auf die Knie und schluchzte mit gefalteten Händen: „Hab Erbarmen, Adolf, hab Erbarmen! Ich weiß, dass ich mich oft gemein und niederträchtig euch gegenüber benommen habe. Ich weiß es, und ich werde es nie, nie wieder tun. Ich schwöre es, ich schwöre es, also gebt mir die letzte Chance euch zu beweisen, dass es damit jetzt vorbei ist. Bitte, bitte, hab Erbarmen!“

„Ja hängst du denn so an deinem armseligen Leben?“, fragte ihn der Adolf erstaunt. „Jaah“, schluchzte der Fisch-Fisch steinerweichend, und dabei lief ihm eine Träne aus dem linken Auge. „Ja wenn das so ist, Fisch-Fisch, dann wollen wir mal Gnade vor Recht ergehen lassen“, sprach Adolf großmütig. „Schmeißt ihn in den Bach, Jungs, ein Fisch gehört ins Wasser“.

In diesem Moment zwinkerte mir der Fisch-Fisch zu. Es war nur ein sehr kurzer Blick, aber ich verstand ihn sofort. Es war der Blick eines Menschen, der hoch gepokert und gewonnen hatte, und der sich gerade jetzt schon wieder den nächsten Streich ausdachte. Bruchteile einer Sekunde später legte er jedoch seine mitleidserregenden Gesichtszüge wieder auf. Er war eben schon ein ausgezeichneter Schauspieler, der Fisch-Fisch.

Die Jungs zögerten nicht lange, packten den Fisch-Fisch am Schlawittchen und taten, was ihnen aufgetragen wurde. Das Wasser muss eiskalt gewesen sein, es war ja auch Dezember, denn am nächsten Tag erschien der Fisch-Fisch mit einem dicken Schnupfen zum Unterricht. Und wieder ging ein Raunen durch die Klasse: „Donnerwetter, den hat’s aber wieder mal erwischt“.  

 

3. Die graue Maus

Wenn ich meine bisher geschriebenen Seiten überfliege, so stelle ich fest, daß ich dem geneigten Leser bisher recht wenig für sein Geld geboten habe. In unserer heutigen Zeit erwartet ein Leser eine blutige oder brutale Szene, wenn nicht auf Seite 1, so doch wenigstens auf Seite 2. Tut mir leid, mein lieber Leser, aber hiermit kann ich leider nicht dienen. Die Dinge haben sich nun einmal langsam und eher psychologisch als physisch entwickelt. Von einer harmlosen Ausgangslage ausgehend steigerten und steigerten sich langsam und unaufhaltsam die Konflikte, bis es schließlich zur unvermeidbaren Katastrophe kam. Und zu einer Leiche.

Obwohl mein Banknachbar bei allen in unserer Klasse extrem unbeliebt war, so gab es dennoch einen Punkt, um den er heftig beneidet wurde. Da er bereits eine Klasse wiederholen durfte, war er ein Jahr älter als wir alle und mit seinen 18 Jahren nicht nur im Besitz eines Autoführerscheins, nein ihm gehörte sogar ein ganzes Auto.

Dieses Auto war genau so eine Kuriosität wie er selber. Es handelte sich um einen alten dunkelgrauen Volkswagen mit geteilter Heckscheibe, der im Volksmund „Brezelkäfer“ genannt wird. Dieser Brezelkäfer wurde im Krieg von hohen deutschen Offizieren gefahren und blieb eines Tages vor Fisch-Fischs Elternhaus in Fischbach liegen.  Fischer junior hat dann den Wagen in eine naheliegende Scheune geschoben und versteckt. Mit seiner stumpfen Kriegslackierung in „nachtgrau“, den zahlreichen Einschusslöchern und dem Fehlen von jeglichem Zierat wirkte der Wagen neben den in Chrom- und Lackglanz schillernden modernen Autos wie eine graue Maus. Ohne Zweifel paßte das spartanische Outfit dieses Wagens genau zu dem rostfarbenen Pullover und den „weißen“ Schuhen seines Besitzers.     

Oft machten wir gemeinsame Ausflüge mit seinem Brezelkäfer. Er tauchte immer mal wieder nach einem Schularrest mit seinem kuriosen Vehikel bei mir auf. Ein Klingeln an meiner Haustür oder ein Hupen erübrigte sich, denn schon von weitem hörte ich das Singen des 25 PS-Motors, wenn der Fisch-Fisch mit seinem Auto vor meine Wohnung heulte.

Vor der Abfahrt gab es immer das gleiche Ritual: Fisch-Fisch stieg aus und begrüßte mich dann mit einem „Hallo Fury, wie wär’s mit einem kleinen Ausritt?“. Hierzu muss ich bemerken, daß „Fury“ das einzige Buch war, daß Fisch-Fisch besaß, und selbst dieses eine Buch war nicht gekauft oder geschenkt, sondern geklaut, wie ein Bibliotheksstempel auf der ersten Seite bewies.

Nach dieser Begrüßung öffnete ich die Beifahrertür durch Ziehen am Türgriff, setzte mich auf den grauen, mit alten Blutspuren aus dem Krieg verunreinigten Beifahrersitz, zog die Tür am Türgriff wieder zu und drückte den Innengriff in die Verriegelstellung nach oben. Anschließend sagte ich „Hallo Fischkopp, gib deinem Gestüt mal die Sporen. Ich habe Lust auf Abenteuer“. „In Ordnung, du alter Gauner du“, erwiderte Fisch-Fisch. Dann legte er den unsynchronisierten ersten Gang mit einem Krachen ein (Fisch-Fisch pflegte die Gänge immer ohne die beim Unsynchrongetriebe erforderliche Schaltpause einzulegen), ließ die Kupplung mit einem Ruck kommen, und setzte den Wagen mit laut singendem Getriebe in Bewegung. Und nach einem Kratz-Kratz Geräusch sang das Getriebe im zweiten Gang eine Oktave höher weiter.

Nie werde ich vergessen, wie sein graues Auto fuhr. „Fuhr“ ist nicht ganz der richtige Ausdruck, eher war es als „hoppeln“ zu bezeichnen. Schließlich war das Material der Federstäbe kriegsbedingt von schlechter Qualität, und deshalb war die Federwirkung nur gering. Fisch-Fisch fuhr aus diesem Grund immer in hohem Tempo über Schlaglochstraßen. Ich weiß nicht, wie die Reifen das ausgehalten haben, aber sie haben es.

Auch im Innenbereich war der Wagen noch in original Kriegsqualität ausgestattet. Wir saßen auf Einfachstrohrstühlen, auf denen grobe Jutesäcke, gefüllt mit Stoffabfall, festgenäht waren. Gut angezogen durfte man in diesem Wagen nicht sein, denn beim Hineinsetzen in die alten „Kartoffelsäcke“ wurde die Kleidung schmutzig. Selbst der Fisch-Fisch musste zugeben, dass sein Wagen nicht für die Fahrt mit einer Braut im weißen Brautkleid geeignet ist.

Im Inneren des Käfers war wegen es wegen der kleinen Fenster und der stumpfen, dunkelgrauen Lackierung recht dunkel. Zwei Blechhandschuhfächer rechts und links außen, dazwischen zwei Schalttafeleinsätze, der linke mit Tacho und Knebelschaltern für Licht und Scheibenwischerschalter, der rechte mit VW-Zeichen im Zahnkranz, bildeten das Armaturenbrett vor mir. Oft schaute ich wie paralysiert auf die Tachonadel, und eine Euphorie überkam mich jedesmal, wenn sie nach unten auf „60“ zeigte, weil der Fisch-Fisch dann mal wieder mit lautem Heulen den dritten Gang bis zum geht-nicht-mehr ausfuhr. Wie schnell der Wagen tatsächlich laufen konnte, haben wir nie ausprobieren können. Denn oberhalb von 80 km/h nahm die an und für sich akzeptable Anfangsbeschleunigung rapide ab, und spätestens, wenn die Tachonadel die 100 km/h links oben erreicht hatte, mussten wir wieder bremsen. Aber auch das war recht lustig, da der schwächliche Fisch-Fisch sich dann mit aller Kraft an seinem Sitz abstützen musste. Seilzugbremsen sind eben schwergängig.

Wir empfanden das laute Poltern des Motors im Heck, vergleichbar dem Geräusch, wenn ein Sack Kartoffeln ausgeleert wird, das singende Getriebe und das heulende Kühlgebläse damals nicht als störend, sondern vielmehr sogar als sportlich, denn wir kamen uns unwahrscheinlich schnell in diesem lauten Wagen vor. Im übrigen empfand ich es als unheimlich erregend, überhaupt in einem Auto mitfahren zu können, auch wenn ich den Sprit von meinem Nachhilfeverdienst bezahlen musste. Und wenn ein fremder Beifahrer es tatsächlich einmal wagen sollte, seinen Wagen als „laut“ zu kritisieren, entgegnete der Fisch-Fisch bezugnehmend auf das Getriebe hierzu nur: „Ich weiß gar nicht, was du hast. Der  Wagen lärmt doch nicht, sondern er singt nur ein Lied“. So kann man es natürlich auch sehen.

Während unserer Unternehmungen pflegte der Fisch-Fisch mich immer mit seinen typischen, sarkastischen Bemerkungen zu unterhalten. Einmal sagte er: „Hey, du hast ja einen Holzsplitter im Finger. Darfst dich halt nicht am Kopf kratzen, hahaha“. Ein anderes Mal bemerkte er: „Das kannst du nicht hochheben, das wiegt fast 10 kg.“ Schlug ich ihn einmal, weil er mich zu sehr reizte, bemerkte er nur: „Nein, das gibt’s doch nicht. Immer noch der alte Schwächling. Nur gut, dass das eben deine Freundin nicht gesehen hat. Wie peinlich, hahaha“. Am sarkastischsten fand ich aber seine Bemerkung: „Was meinst du als Frau dazu?“

Wir waren eben schon ein seltsames Paar, der Fisch-Fisch und ich, zwei unbeliebte Schüler. Aber vielleicht bestand gerade wegen dieser Gemeinsamkeit diese gewisse Sympathie zwischen uns beiden.

Wenn es stärker zu regnen begann, mussten wir anhalten, denn die Leistung der Scheibenwischer entsprach mit 30 Wischbewegungen pro Minute etwa den modernen Intervallschaltungen. Immerhin hatte der Wagen bereits eine Heizung, was damals nicht selbstverständlich war. Trotzdem blieb er im Winter lausekalt, und unser Atem gefror an der Windschutzscheibe. Ich musste dann immer mit einem Eisschaber für eisfreie Scheiben sorgen.

Ich sprach Fisch-Fisch mehrfach hinsichtlich seines Vaters an, der den Wagen nach dem Krieg wieder mit einem Getriebe aus einem anderen, ausgebrannten Brezelkäfer instand gesetzt hatte, doch der Fisch-Fisch gab sich diesbezüglich immer sehr geheimnisvoll. Nur soviel konnte ich damals in Erfahrung bringen: Sein Vater war ein Beamter in Fischbach, und er wünschte mir, dass ich ihn nie kennenlernen würde. Dabei leuchteten Fisch-Fischs Augen hell auf, und er begann zu kichern. Anfangs war ich über diese Aussage etwas irritiert. Später jedoch, in einer Situation, bei der es bei mir quasi um Leben und Tod ging, sollte sich aber zeigen, dass er sich gerade in diesem Punkt geirrt hatte.

Eines Tages blieb der Platz neben mir leer. Unsere Klassenlehrerin wusste auch nichts über meinen Banknachbar. Das war ausgesprochen ungewöhnlich, denn der Fisch-Fisch erschien selbst nach unseren medizinischen Versuchen stets pünktlich zum Unterricht und war an und für sich kein Schulschwänzer. Ich machte mich deshalb auf zu seiner Tante, bei der er ein Zimmer bewohnte. Fisch-Fisch hatte mir einmal erzählt, dass diese Tante ihn aufgenommen hatte, weil er am Wohnort seines Vaters von der Schule geflogen war. Ehrlich gesagt, hatte ich genau so eine Erklärung irgendwie erwartet.

Die graue Maus stand vor der Tür. Aber der Fisch-Fisch war nicht zuhause. Seine Tante berichtete mir, daß die Polizei zusammen mit einem Gerichtsvollzieher gekommen war und das Auto gepfändet hatte. Sie glaubte, dass Fisch-Fisch vor irgendwelchen Schwierigkeiten geflohen war. Das erschien mir sehr glaubhaft, wusste ich doch nur zu gut, wie sich der Fisch-Fisch überall in die Nesseln gesetzt hatte.

Auch am nächsten Tag blieb Fisch-Fisch verschwunden, und seine Tante wusste über sein Verschwinden nicht mehr als am Tage zuvor. Sie konnte mir lediglich mitteilen, dass der alte Brezelkäfer versteigert werden sollte, um einige Gläubiger zu befriedigen. Denn abgesehen von dem Fury-Buch, welches die Polizei natürlich der Bibliothek wieder zurückgab, war der Wagen der einzige Gegenstand, den der Fisch-Fisch noch zurückgelassen hatte. Ich überlegte nicht lange und beteiligte mich an der Versteigerung des Autos mit meinen gesamten Ersparnissen von 60 DM.

Mit diesem Gebot übertraf ich den ortsansässigen Schrotthändler um 10 DM. Sonst hatte ich keine Konkurrenz. Niemand sonst bot auch nur eine Mark für diese lärmende Antiquität. Und so erhielt ich die graue Maus einige Tage später zum Dumping-Preis von 60 DM. Durch diese Aktion war ich zwar mein gesamtes, von der Nachhilfe gespartes Kapital los, aber dafür besaß ich bereits mit 17 Jahren ein Automobil. Ich war sehr stolz auf mich.

Schon bald hatte ich genug neues Kapital vom Nachhilfeunterricht angespart, um den Führerschein zu erwerben. Und mit 18 machte ich mit der grauen Maus die Gegend unsicher. Irgendwie war mir dieser Wagen sympathisch. Ich fühlte mich in ihm sicher wie in einer Burg. Vielleicht lag dies an seinem dicken Blech und an seiner Unverwüstlichkeit. Meine Freundin war jedoch nicht von diesem Wagen begeistert, sie fand ihn ziemlich unkomfortabel und schmucklos, und lästerte vor allem über die alten Blutflecken auf den Sitzen. Aber letzten Endes fuhr sie doch immer wieder mit, wenn auch unter Protest. So beklagte sie sich immer, sie würde sich in diesem Wagen vorkommen wie ihre eigene Großmutter im Krieg.

Obwohl ich seinen Wagen noch viele Jahre fahren sollte, hatte ich Friedrich Fischer aus Fischbach schon bald vergessen. Ich war mir sicher, dass ich ihn nie wieder sehen werde. Doch in diesem Punkt sollte ich mich schwer irren. 

 

4. Totgesagte leben länger

Ich studierte Jura an der Universität in Freiburg, bestand das Examen mit Auszeichnung und war bei Gericht angesehen und beliebt. Aus diesem Grund wollte ich in Freiburg als Strafverteidiger eine eigene Kanzlei eröffnen. Hierzu benötigte man natürlich entsprechende Büroräume, und selbstverständlich musste ich ja auch irgendwo wohnen. Doch zum damaligen Zeitpunkt herrschte eine absolute Flaute an passenden Objekten, und so blieb mir nichts anderes übrig, als die Hilfe eines professionellen Immobilienmaklers in Anspruch zu nehmen.

Bereits beim Studium der Tageszeitung waren mir immer wieder die Angebote eines gewissen „Immobilien-Fischer“ aufgefallen, und so beschloss ich, diesem Herren einmal einen Besuch abzustatten. Dieser Makler schien einen großen Kundenkreis zu besitzen, denn ich musste etwa eine Stunde in einem übervollen Wartezimmer warten, um überhaupt vorsprechen zu können. Dies war mir eigentlich nicht unsympathisch, sprach dies doch für dessen Kompetenz und ließ gute Angebote erwarten.

Schließlich war es endlich soweit, und ich konnte mein Anliegen vortragen. Doch ich hatte kaum den Büroraum betreten, als mein Gegenüber mit hoher kieksender Stimme sagte: „Nein, das gibt es doch nicht, die Jugend. Herzlich willkommen, du alter Gauner du, hahaha. Wie geht s dir? Du suchst also ein Anwesen, wo du dein Unwesen treiben kannst? Mal sehen, was ich für dich tun kann.“

Ich traute meinen Augen nicht, wer mir da gegenüber saß. Es war natürlich der Fisch-Fisch. Er war in der Zwischenzeit stark gealtert und hatte bereits weiße Haare und tiefe Falten im Gesicht. Außerdem erschien er mir noch magerer und rattengesichtiger, als er es schon früher war. Nur seine braunen Knopfaugen sprühten noch genauso voll jugendlicher Frische, wie sie es in unserer Schulzeit getan hatten.

Mein zweiter Eindruck schien den ersten zu bestätigen. Fisch-Fisch wirkte verbraucht, und seine Augen und seine Haut erschienen mir gelb, sehr gelb sogar. Seine Kleidung war allerdings vornehmer, als ich sie bisher bei ihm gewohnt war. War sie früher schäbig, so saß er mir heute in einem zwar nicht gerade vornehmen, aber doch gut-bürgerlichen grauen Anzug gegenüber.

„Hallo Fisch-Fisch“, begrüßte ich ihn voll Überraschung. „Bist du es wirklich? Was ist denn aus dir geworden? Du warst damals so plötzlich verschwunden. Erzähl mir doch bitte mal, wie es dir ergangen ist.“ „Wie es mir ergangen ist? Da gibt es eigentlich nicht viel zu erzählen. Ich hatte in jener Zeit einen Kaufmann betro..., ähm, jedenfalls musste ich damals verschwinden. Den Wagen konnte ich schlecht mitnehmen, mit dem wäre ich ja sofort aufgefallen, außerdem hatte ich bereits die allerletzten Mahnungen wegen der ausstehenden Steuer und Versicherung bekommen. Ich habe dann einfach alles stehen und liegen gelassen, bin untergetaucht und habe meinen Unterhalt als Versuchskaninchen in der Pharmaindustrie verdient. Die suchen da immer Gesunde, an denen sie ihre Neuentwicklungen austesten können und die Herren sind da nicht so pingelig hinsichtlich Personalausweis und so. Und du weißt ja, auf meine eiserne Gesundheit ist immer Verlass.“

„Eines Tages jedoch wollten mich die Pharmafritzen nicht mehr haben, weil ihnen meine Blutwerte nicht mehr gefielen, und von da an habe ich mich eben mit kleinen Gaunereien über Wasser gehalten. Irgendwann wurde ich dann aber doch von der Polizei erwischt und ins Gefängnis gebracht. Ich dachte schon, ich müsste den Rest meines Lebens an diesem traurigen Ort verbringen, aber dann kam die große Überraschung: Bei der medizinischen Untersuchung wurde festgestellt, dass meine Leberwerte im Blut so schlecht waren, dass ich eigentlich tot sein müsste. Kannst du dir das vorstellen, alter Junge? Ich bin haftunfähig und habe Narrenfreiheit in diesem unserem Staate. Hahaha. Ist das nicht großartig?“

„Na ja, ganz so großartig ist es, ehrlich gesagt, doch wieder nicht“, fuhr Fisch-Fisch mit seiner Schilderung fort, „nämlich die Gelder, die ich zur Wiedergutmachung abliefern muss, sind schon ganz schön lästig. Und da habe ich mich eben entschlossen, Immobilienmakler zu werden. Ich kenne doch hier in diesem Städtchen fast jeden. Jetzt sitze ich also hier in diesem Büro und bringe die Objekte unter die eine Hälfte der Leute, welche die andere Hälfte meiner Klienten mir anbietet. So wie der Croupier die Chips auf dem Roulettetisch hin und her schiebt und dabei immer nur gewinnt, hahaha. Habe ich das nicht toll gemacht? Also, wenn ich ganz ehrlich bin, ist mein Spitzname „Fisch-Fisch“ nicht ganz zutreffend. „Der Superfisch“, das wäre doch viel passender für mich, oder, hahaha?“

„Ja, Fisch-Fisch, das hast du irgendwie gut gemacht“ entgegnete ich, „ich bin nur ein kleiner, unbedeutender Strafverteidiger geworden, der mühsam seine Klienten zusammensucht.“ „Erzähl mal, was aus den anderen hohen Herren aus unserer Klasse geworden ist“ fuhr der Fisch-Fisch fort. Und mit einem Augenzwinkern bemerkte er: „Ich glaube nicht, dass einer von den Schlägern Theologe geworden ist, allenfalls Teetrinker, hahaha.“

„Sicher kannst du dich noch an den starken Adolf erinnern“, begann ich meinen Bericht. „Der hat jetzt in eine Metzgerei eingeheiratet.“ „Tatsächlich?“, entgegnete Fisch-Fisch. „Na ja, das Abschlachten war ja auch das einzige, was er wirklich gut konnte, hahaha.“ „Übrigens musste unser Adolf neulich ins Krankenhaus, ihm musste das linke Bein amputiert werden,“ fuhr ich mit meinen Ausführungen fort. „Du weist doch, es ist schon während der Schulzeit schwarz gewesen.“ „Jajaja,“ lächelte der Fisch-Fisch, „Fliegen haben schwarze Beine; Raucher auch, und manchmal keine, hahaha. Rauchst du eigentlich noch?“ „Ich habe das Rauchen inzwischen aufgegeben“. „Was, du hast das Rauchen aufgegeben? Bei deiner Gesundheit? Ach, das lohnt sich doch nicht mehr, hahaha“.

Kein Zweifel, Fisch-Fisch war immer noch ganz der Alte geblieben. Sein Sarkasmus war nach wie vor nicht zu übertreffen.

„Weißt du übrigens, dass ich dein Auto ersteigert habe und es immer noch fahre?“ „Nein, das gibt’s doch nicht, da müssen wir unbedingt mal wieder eine Runde fahren. Was hältst du von heute abend, 18 Uhr? Bis dahin werde ich mich noch ein bisschen für dich umhören. Bestimmt finden wir etwas passendes für dich. Ich werde doch meinen guten, alten Freund, den Ulli, nicht hereinlegen, nein nein, hahaha.“

Da das Wartezimmer immer noch proppenvoll war, verabschiedeten wir uns relativ schnell, und wie versprochen heulte ich um 18 Uhr vor die Hoftür des Immobilien-Fischer. Fisch-Fisch wartete schon, stieg ein, und als er neben mir saß, kam er mir noch viel älter und kränker vor, als in seinem Büro. Im krassen Gegensatz dazu standen die gelbbraunen Knopfaugen, die seltsamerweise so lebhaft wie immer wirkten.

„Hahaha, ist das nicht toll, das ich das noch einmal erleben darf?“, schwärmte mein Freund. „Es ist toll“, ergänzte ich ziemlich einfallslos. Dabei bemerkte ich, wie sein Blick in das offene Blechhandschuhfach gerichtet war und ein Lächeln sein Gesicht überzog. Oh hätte ich damals bloß geahnt, welche Teufelei mein Freund sich gerade ausgedacht hatte. Noch ahnte ich aber nichts von Fisch-Fischs mörderischem Plan und lief im wahrsten Sinne des Wortes ins offene Messer.

Derweil heulten wir die Hauptstrasse entlang und näherten uns einem Park, in dem sich viele Menschen befanden. Offensichtlich fand dort gerade eine größere Veranstaltung statt. „Halt doch bitte einmal da vorne bei den Menschen an. Ich möchte doch zu gerne einmal nachfragen, was die da so treiben“, bat mich mein alter Freund. Ich befolgte Fisch-Fischs Wunsch, und schon bald stand das Auto mitten in einer Menschenmenge.

„Was hast du denn da für ein tolles Messer in Handschuhfach? Kannst du mir das mal zeigen?“. Sein Lächeln schien sich noch weiter zu verstärken. „ Aber klar doch“, entgegnete ich ahnungslos, und holte mein altes Jagdmesser aus der Tiefe des Handschuhfachs.

Inzwischen war mein altes, graues Auto in der Menschenmenge aufgefallen, und einige Gaffer schauten uns etwas blöde durch die Scheiben an, so als wollten sie uns sagen: „Verschwindet, was wollt ihr denn hier?“ Ich störte mich aber nicht an dieser Gafferei und zeigte Fisch-Fisch das große Messer. Da, plötzlich, geschah das Unfassbare: Fisch-Fisch schnappte meinen rechten Unterarm und zog ihn mit einer Kraft, die ich ihm nicht zugetraut hätte zu sich hin. Ehe ich mich versah, steckte das Messer in seinem Bauch.

Ich war von diesem Vorgang wie paralysiert und erlebte nur noch schemenhaft mit, wie Fisch-Fisch einen grunzenden Ton ausstieß, mit letzter Kraft die Beifahrertür öffnete und in die Arme von den zufällig dastehenden Menschen fiel. Er schaute die Fremden an, dann wieder mich, und ein tiefes, friedliches Lächeln glitt über sein Gesicht. Dann verlor er das Bewusstsein, doch sein Körper zuckte und atmete noch minutenlang weiter, so als wollte er sagen: “Das macht mir alles nichts aus“. Doch seine Atemzüge wurden langsam immer flacher und flacher, und schließlich war es mit ihm vorbei. So starb Friedrich Fischer aus Fischbach.

 

5. Der Prozess

Ich brauche dem geneigten Leser wohl nicht zu erklären, was jetzt weiter geschah. Eine Vielzahl von Menschen standen um Fisch-Fischs Leiche herum, betrachteten das Messer in seinem Bauch, und schrieen „Mörder, Mörder“ zu mir. Einige aus der Menge deuteten auf mich und riefen sogar „Er hat ihn umgebracht, ich habe es ganz genau gesehen“. Ich selbst war von den Vorgängen in den letzten Sekunden so erschrocken, das ich mich erst einmal gar nicht bewegte. Immer noch umschlang meine Hand das Messer im Bauch des Toten. Einen Versuch, mich zu verteidigen, unternahm ich erst gar nicht. Schon bald erschien eine Polizeistreife und ich wurde abgeführt.

Meine Situation war denkbar schlecht. Mehrere Zeugen hatten gesehen, wie ich mit meinem Arm mein Messer in Fisch-Fischs Bauch steckte. Die Untersuchung ergab außerdem: Es war mein Messer, und es waren auch nur meine Fingerabdrücke auf diesem Messer. Es gab keine Hinweise auf sonstige Fingerabdrücke. Andere Personen schieden somit sowohl wegen der übereinstimmenden Zeugenaussagen als auch wegen der Tatindizien definitiv als Täter aus.

Schnell war auch ein Tatmotiv gefunden: Fisch-Fisch hatte mich wohl auf der Fahrt so provoziert, dass ich bei der nächstbesten Gelegenheit angehalten und ihn im Affekt erstochen habe. Die Staatsanwaltschaft sah sich in dieser Theorie bestätigt, als mehrere Schulfreunde aussagten, dass der Fisch-Fisch ausgesprochen unbeliebt war, und das er alle Leute und auch mich oft geärgert oder provoziert hatte.

Die Zeugen gaben ferner zu Protokoll, dass ich schon damals in der Schule bei den Experimenten hinsichtlich der pharmakologischen Wirkung verschiedener Gifte mitgemacht hatte, und das war ja schon so etwas wie ein halber Mord. Von da aus war es nur noch ein kleiner Schritt zum Mord im Brezelkäfer.

Mein Hinweis auf die Druckstellen an meinem Arm, die entstanden waren, als Fisch-Fisch mit Gewalt meinen Arm packte und führte, machte mich eher noch verdächtiger. Der medizinische Sachverständige interpretierte diese Druckstellen nämlich ganz anders: Fisch-Fisch hatte seiner Ansicht nach zugegriffen, um mit aller Kraft den tödlichen Stich von mir zu verhindern.

Egal was ich machte oder wie auch immer ich mich verteidigte, der Strick zog sich immer fester um meinen Hals zusammen. Der Staatsanwalt hatte leichtes Spiel, eine Indizienkette gegen mich aufzubauen und in seinem Schlussplädoyer eine Zuchthausstrafe wegen heimtückischem Mord im Affekt zu verlangen.

Als gelernter Strafverteidiger war es für mich natürlich Ehrensache, meine Verteidigung selbst zu übernehmen. Da im Prozess für mich so ziemlich alles schief lief, was überhaupt schief laufen konnte, konzentrierte ich mich auf mein Schlussplädoyer.

„Hohes Gericht. Die Staatsanwaltschaft hat aufgrund von Zeugenaussagen und Indizien einen Tatverlauf konstruiert, der ihrer Meinung nach mit diesen Zeugenaussagen und Indizien korreliert. Gemäß diesem Tatverlauf wäre ich in der Tat des Mordes im Affekt für schuldig zu verurteilen. Dieser Tatverlauf hat nur einen großen Fehler: Er entspricht nämlich nicht der Wahrheit. Hohes Gericht, ich möchte Ihnen im Folgenden den wahren Tatverlauf schildern, nach dem ich freizusprechen bin, und sie werden feststellen, dass dieser wahre Tatverlauf nicht nur ebenfalls den Indizien und Zeugenaussagen entspricht, sondern darüber hinaus auch noch einige weitere Tatumstände erklärt, für welche die Staatsanwaltschaft nur unbefriedigende Erklärungen abgeben kann.

Zugegeben, meine Ausführungen klingen nicht glaubhaft. Ich erwarte deshalb auch nicht, dass sie meine Ausführungen glauben. Wenn sie aber schon meine Ausführungen nicht glauben wollen, dann dürfen sie aber auch die Ausführungen der Staatsanwaltschaft nicht glauben, denn die passen noch weniger zu den Tatumständen als meine. In dieser Situation bleibt ihnen meines Erachtens dann nichts anderes übrig, als mich gemäß der „im Zweifel für den Angeklagten-Regel“ freizusprechen.

Es ist unstrittig, dass der tödliche Messerstich mit meiner Hand und mit meinem Messer durchgeführt wurde. Die Staatsanwaltschaft sagt nun, dass ich diesen tödlichen Stich wissentlich geführt habe und Friedrich Fischer dabei meinen Arm gepackt hat, um diesen Messerstich abzuwehren. Mit dieser Theorie gibt die Staatsanwaltschaft aber zu, dass nicht nur ich die Kontrolle über meinen Arm besaß, sondern eben auch Herr Fischer.

Wer von uns beiden hat denn nun den Stich geführt? Die Staatsanwaltschaft behauptet, ich wäre es gewesen. Der Ermordete hätte mich auf der gemeinsamen Fahrt provoziert, ich hätte bei der nächstbesten Gelegenheit angehalten und hätte ihn dann im Affekt erstochen. Zum Beleg hierfür verweist die Staatsanwaltschaft auf Zeugenaussagen, wonach der Ermordete dafür bekannt war, ständig Leute zu provozieren und zu reizen. Dabei bleibt die Frage offen, warum der Ermordete denn ständig andere Leute provoziert hat.

Die Antwort auf diese Frage kann ich ihnen geben. Der Angeklagte war ein Mensch, der ständig Belustigung brauchte, um es in diesem Leben auszuhalten. Er war also so etwas wie ein Spaßvogel, der sich auf Kosten anderer Leuten amüsierte. Dieser Spaßvogel hatte im Laufe seines Lebens durch eben diese Späße seine Gesundheit ruiniert. Wie sie aus den Akten entnehmen können, war der Angeklagte wegen zahlreicher Betrugsdelikte verurteilt, aber als haftunfähig beurteilt und deshalb freigelassen worden.

Ich möchte ihr Augenmerk dabei auf zwei Worte des medizinischen Gutachtens zu diesem Fall richten. Es sind die zwei Worte, mit denen der Gutachter von einem „medizinischen Wunder“ spricht. Wohl jeder, der den Verstorbenen in den letzten Stunden seines Lebens gesehen hat, hat gespürt, dass dieser Mensch nicht mehr lange zu leben hat und hat deswegen Mitleid mit ihm verspürt. Auch ich habe tiefes Mitleid mit meinem todkranken besten Freund empfunden. Glauben sie im Ernst, dass mich in dieser Stimmungslage mein Freund so provozieren konnte, dass ich im Affekt anhielt, um ihn zu erstechen? Glauben sie nicht eher, dass der Verstorbene im Angesicht des nahen Todes zu einem letzten Spaß, zu einer letzten Belustigung fähig war, und dass ich spontan als Opfer dieser letzten Belustigung ausgesucht wurde, als der Verstorbene mein Messer im Handschuhfach entdeckte? Würde das nicht auch erklären, warum die Tat vor so vielen Zeugen durchgeführt wurde?

Hohes Gericht, bis jetzt habe ich nur Indizien zu meiner Entlastung beigebracht, die auch die Staatsanwaltschaft in ihrem Sinne erklären kann. Einen Punkt kann sie jedoch nicht erklären, der jedoch wie das fehlende letzte Steinchen in mein Mosaik passt: Ist ihnen nicht aufgefallen, dass alle Zeugen erwähnten, dass Friedrich Fischer, ich zitiere, „mit einem Lächeln auf den Lippen“ starb. Die Staatsanwaltschaft ist auf diesen Punkt bewusst nicht eingegangen, weil er nicht ich ihre Theorie passt. Stirbt jemand mit einem Lächeln auf den Lippen, der gerade bestialisch ermordet wurde? Können sie sich so etwas vorstellen? Sollte man nicht eher erwarten, dass man unter diesen Umständen mit erschrockenem oder entsetzten Gesichtsausdruck stirbt?

Welchen Gesichtsausdruck würden sie hingegen erwarten, wenn sie im Angesicht des Todes die vielleicht größte Belustigung ihres ganzen Lebens erleben? Würden sie da nicht auch mit einem Lächeln auf den Lippen sterben? Sie sehen, hohes Gericht, die Theorie der Staatsanwaltschaft kann diese übereinstimmenden Zeugenaussagen nicht befriedigend erklären. Sie passt hingegen wie angegossen zu meiner Schilderung des Tathergangs: Friedrich Fischer hat Selbstmord begangen und diesen so angelegt, dass ich zwangsläufig des Mordes verdächtigt werde.

Ich glaube nicht, dass es eine böse Absicht von ihm war, ich denke, er wollte mir nur einen Schrecken einjagen, und mehr nicht. Auch jetzt, im Angesicht einer drohenden Zuchthausstrafe, kann ich ihm irgendwie nicht böse sein. Ich konnte ihm eigentlich nie richtig böse sein, darum war er ja auch mein bester Freund. Ich habe ihn irgendwie bewundert, ja vielleicht sogar geliebt.

Ich hoffe, ich habe ihnen gezeigt, dass sich auch meine Schilderung des Tathergangs mit den Zeugenaussagen und Indizien deckt, wobei meine Ausführungen im Gegensatz zu der Theorie der Staatsanwaltschaft sogar alle Tatumstände zwanglos erklären. Gemäß meiner Schilderung habe ich den Verstorbenen nicht ermordet. Und da sie das Gegenteil nicht beweisen können, kann ihr Urteil auch eigentlich nur „Freispruch“ lauten.“

Während meiner letzten Worte war ein schmaler, grauhaariger Polizist nach vorne getreten, der zu meiner grenzenlosen Überraschung mit einer kieksigen Stimme das Wort ergriff.

„Hohes Gericht. Mein Name ist Gustav Fischer, Vollzugsbeamte an der Justizvollzugsanstalt Fischbach. Ich bin der Vater des Verstorbenen. Ich gebe zu, dass ich zuerst der Überzeugung war, dass der Angeklagte meinen Sohn ermordet hat. Aber dann, bei seinem Schlussplädoyer, ist mir klar geworden, dass diese Vermutung nicht den Tatsachen entsprechen kann. Der Angeklagte hat meinen Sohn so treffend beschrieben, dass ich der festen Überzeugung bin, dass der Angeklagte unschuldig ist und vielmehr mein Sohn Selbstmord begangen hat.

Ich habe in meinem Leben als Justizvollzugsbeamter schon viele Verbrecher gesehen. Dieser Mann hier“ - er zeigte dabei auf mich - „ist ganz bestimmt keiner. Ja, mein Sohn war ein Spaßvogel und ich teile die Ansicht des Angeklagten, dass er ihm nur einen Schreck einjagen wollte. Der gesamte Tathergang war ja nicht geplant, sondern ein spontaner Einfall. Nach all den Ausführungen des Angeklagten bin ich froh, dass mein Sohn so einen guten Freund hatte. Es widerspricht dem gesunden Menschenverstand, einen solchen Menschen des Mordes zu verdächtigen. Ich bitte daher das Gericht im Namen meines Sohnes, den Angeklagten freizusprechen“.

Uns so geschah es dann auch.  


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