Die Geschichte des Volkswagens 2

1945 - 1952: Vom Volkswagen zum Erfolgswagen

Dr. Ulrich von Pidoll

Am 10.4.1945 wurden die letzten VW-Kübelwagen produziert und an das Heereszeugamt in Kassel ausgeliefert. Dann wurde das zu zwei Dritteln zerstörte Werk von den amerikanischen Streitkräften besetzt und als "prize of war" auf die Demontageliste gesetzt. Das Werk wurde fortan scharf bewacht, denn es durfte an diesem Eigentum der Alliierten nichts mehr verändert werden. Es wurde auch ein Plan erstellt, an welche amerikanischen Firmen die Maschinen des VW-Werks ausgeliefert werden sollten. Als dieser Plan den VW-Mitarbeitern im Mai 1945 bekannt wurde, bauten acht VW-Arbeiter ohne Bezahlung und Auftrag heimlich sechs Kübelwagen aus Restbeständen zusammen und lieferten sie an das "SHAEF (Supreme Headquaters Allied Expeditionary Forces) der IX. US-Armee" zur Begutachtung. Man hoffte, durch diese Tat eine Genehmigung zur Serienfertigung dieser Fahrzeuge zu erhalten, denn Kraftfahrzeuge waren damals selbst bei den Alliierten Mangelware.

Der ehemaligen VW-Inspektionschefs Rudolf Broermann konnte die Amerikaner überzeugen, daß diese nicht genehmigte Montage von Fahrzeugen keine Veränderung an den Maschinen und Werkshallen bewirkte und somit auch das Eigentum der Alliierten nicht verletzte. Die Amerikaner waren von den geschenkten Fahrzeugen durchaus angetan und beschlossen daher, das Werk vorerst nicht zu demontieren, sondern weiter produzieren zu lassen. Ohne Bezahlung, natürlich.

Broermann wurde zum VW-Direktor befördert und erhielt den Auftrag darauf zu achten, daß nicht ein Ziegelstein aufgehoben wurde, mochte er auch noch so stören. Broermann stimmte zu, und die VW-Arbeiter begannen wie besessen zu arbeiten. Man hoffte, daß wer jetzt arbeitete, auch später im Werk arbeiten dürfte. Diese Hoffnung gab den VW-Arbeitern eine gewisse moralische Sicherheit. Und immer mehr Arbeiter schlossen sich ihnen an. Die Produktion stieg von 5 Kübelwagen am 16.5.1945 auf 17 Kübelwagen am 22.5.1945. Die Fahrzeuge wurden alle an das SHAEF der IX. US-Armee ausgeliefert.

Dann gingen die Amerikaner und es kamen die Engländer. Die Engländer waren nicht so großzügig wie die Amerikaner, sondern betrachteten das VW-Werk sehr viel strenger als "booty" (eine Verballhornung des deutschen "Beute"). Dennoch tolerierten auch sie die bescheidene Kübelwagenproduktion aus Restteilen ohne Bezahlung. Die Fahrzeuge wurden jetzt an den "vehicle park (Fahrzeugpark) der 151. britischen Kompanie" ausgeliefert.

Broermann wurde zwar von den Engländern als "plant manager" bestätigt, doch war dieser Posten nur als ausführendes Organ von Befehlen gedacht. Er erhielt den Auftrag, eine Reparaturwerkstatt für englische Militärfahrzeuge einzurichten. Broermann ließ daraufhin eine solche Werkstatt aufbauen, doch interpretierte er diesen Befehl auch so, daß er Trümmer und Bombentrichter für die An- und Abfahrt beseitigen und Maschinen im VW-Werk wieder in Gang setzen ließ, um angeblich Ersatzteile für die Militärfahrzeuge zu produzieren. Es kam zum Eklat mit den Engländern und diese drohten ihrerseits, Broermann zu erschießen.

Broermann rettete seinen Kopf mit einer neuen Idee: Die Engländer sollten den Preis der im Werk produzierten Fahrzeuge der deutschen Regierung als notwendige Besatzungskosten in Rechnung stellen und so mit der VW-Produktion einen Gewinn erzielen. Gleichzeitig könnte ein Teil dieses Gewinns zur Linderung der sozialen Not der VW-Mitarbeiter herangezogen werden. Die Aussicht auf Gewinn überzeugte die Engländer, und so wurden am 18.6.1945 die ersten derartigen Rechnungen geschrieben.

Die Engländer versuchten nun, das VW-Werk an englische Firmen zu verkaufen. Dies gelang jedoch nicht, da die armselig zusammengeschusterten Fahrzeuge nirgendwo Begeisterung hervorriefen, sondern im Gegenteil von jedermann als unverkäuflich angesehen wurden. Die Engländer beschlossen daraufhin, das VW- Werk nicht zu übernehmen, sondern alle Maschinen des VW-Werkes zu demontieren oder verschrotten.

Im August 1945 übernahm Major Ivan Hirst die Leitung des VW-Werkes. Hirst war fasziniert von dem Tatendrang der VW-Arbeiter, die ohne Rücksicht auf Geld und ihr Leben um den Erhalt des VW-Werkes kämpften. Major Hirst beschloß daraufhin, gegen seine erhaltenen Befehle mit den VW-Arbeitern für den Erhalt des Werkes zu kämpfen. Doch Major Hirst war nur ein kleines Rädchen in der Führungsspitze der Engländer. Und so konnte selbst er nicht verhindern, daß der Termin für die geplante Demontage- und Verschrottungsaktion immer näher und näher rückte.

Auf der Potsdamer Konferenz der Siegermächte vom 17.7.1945 bis 2.8.1945 wurden auch Beschlüsse zur Wiedereinführung einer deutschen Post getroffen, die am 8.5.1945 durch das Gesetz Nr. 76 stillgelegt worden war. Broermann ließ daraufhin eine Leiter auf einen VW-Kübelwagen montieren und präsentierte dieses Fahrzeug den Engländern als Mittel zum Reparieren von Telephonleitungen. Eine großartige Sache, denn er wußte genau, wie sehr sich die Engländer damals ärgerten, weil sie nicht telephonieren konnten. Die Engländer waren daraufhin mit der Produktion von zwanzig dieser Fahrzeuge einverstanden.

Broermann gelang es außerdem, einen Auftrag über 500 Postfahrzeuge zum Transport von Briefen und Paketen zu erhalten. Er berichtete hierzu den Engländern, es wären noch genug Teile für die Postfahrzeuge vorhanden und erschwindelte sich so die Produktionsgenehmigung. Die Fertigung dieser Fahrzeuge begann am 14.8.1945. Die geplante Demontage des Werkes wurde deshalb zurückgestellt.

Doch schon bald gingen die Kübelwagenteile dem Ende zu und eine Neuproduktion, vorallem der Kübelwagenkaroserie, war nicht möglich. Da jedoch die Werkzeuge für die Käferkarosserie den Krieg überlebten, ließ Broermann am 25.8.1945 die alten Pressen wieder anwerfen und produzierte Käferkarosserien. Den ersten Käfer zeigte er Anfang September 1945 auf dem 30. control workshop der Alliierten.

Die Alliierten erteilten daraufhin VW am 17.9.1945 den Auftrag, 20000 Fahrzeuge zu produzieren. Dieser Auftrag wurde später auf 40000 Fahrzeuge erhöht. Die Abrechnung dieser Fahrzeuge erfolgte auf Requisitionsscheine, die von der deutschen Regierung eingelöst werden mußten. Anders ausgedrückt: die Fahrzeuge wurden nach wie vor den Alliierten geschenkt. Unter diesen Bedingungen wurde die vorgesehene Demontage um vier Jahre verschoben.

Ein Problem bestand jedoch darin, daß das VW-Werk über zuwenig Eigenkapital verfügte, um die für die erteilten Aufträge erforderlichen Materialien und Löhne vorzufinanzieren. Bisher hatte man ja nur aus Restbeständen gefertigt, und die wenigen RM 100000 Eigenkapital waren schnell für Reparaturen an den Werkzeugmaschinen und Verpflegung der Arbeiter und Angestellten verbraucht. Im übrigen war die Bank der Deutschen Arbeit in Ost-Berlin - die einzige Bankverbindung des VW-Werks - inzwischen von der russischen Militärregierung ge- schlossen und deren Geldwerte beschlagnahmt worden.

Am 10.9.1945 fand daher im Hauptquartier Hannover eine Besprechung zwischen den Besatzungsoffizieren und Vertretern des VW-Werks statt. Dabei gab die Militärregierung dem VW-Werk Handlungsfreiheit für die Aufnahme eines Zwischenkredits, wobei die Tilgung des Kredits durch Abzweigung eines Geldbetrags von den Requisitionsscheinen erfolgen sollte. Nach mehrtägigen Verhandlungen war die Staatsbank Braunschweig am 14.9.1945 bereit, mit einer 50%igen Beteiligung der Deutschen Bank, Braunschweig, dem VW-Werk einen Zwischenkredit über 20 Millionen Reichsmark zu 4,5% Jahreszins zu geben. Als Sicherheit dienten Sola- Wechsel der Militärregierung. Der Kredit war bereits im Juni 1946 vollständig zurückgezahlt.

Mitte 1945 war eine Produktion der normalen Käfer-Limousine nicht möglich, da die Guß-Formen für die vorderen Achsschenkel der normalen Limousine zerstört waren. Aus diesem Grund konnte man vorerst nur die "hochbeinige" Gelände-Limousine her- stellen, doch bereits ab Weihnachten 1945 konnte die Produktion nach und nach auf die normale Limousine umgestellt werden.

Anfang 1946 erfolgte der nächste Schritt bei der Vermarktung des VW-Käfers: es wurden Verträge mit Organisationen abgeschlossen, welche die Auslieferung und Betreuung der VW-Käfer übernehmen sollen. Die ersten beiden Bestellungen gingen in März 1946 bei VW ein; diese Fahrzeuge wurden am 21.6.1946 produziert und über die neuen VW-Händler vor allem an Behörden ausgeliefert.

Damit war das Überleben des VW-Werks vorerst gesichert. Zwar versuchten die Engländer in den nächsten Jahren immer wieder, das Werk zu verkaufen, doch gelang dies gottseidank nicht. Selbst Henry Ford II lehnte im März 1948 ab. Kein Wunder - die zerbombten Fabrikhallen waren zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht instandgesetzt worden und erforderten deshalb noch große Investitionen. Bereits ein Regenschauer bedeutete damals bei VW einen Produktionsstillstand.

Der zunehmende kalte Krieg zwischen den Westalliierten und der Sowjetunion änderte dann jedoch die Politik der Westalliierten gegenüber dem besetzten Deutschland. Statt Zerstörung und Demontage war ab dem 3.4.1948 plötzlich der Wiederaufbau der deutschen Industrie mit Hilfe des Marshallplans das angestrebte politische Ziel. Da sich die Alliierten aber nicht mit dem Wiederaufbau der zerbombten deutschen Industrie belasten wollten, verzichteten sie am 6.9.1949 auf alle beschlagnahmten Vermögenswerte. Es kam daraufhin zur Übergabe des VW-Werks an das Land Niedersachsen.

Als Heinrich Nordhoff am 1.1.1948 die Leitung des VW-Werks übernahm, gab es bereits ein funktionierendes Händlernetz und ein gewisses Exportgeschäft. Doch verstand es Nordhoff durch seinen Geschäftssinn und seine Art der Mitarbeitermotivation, den Verkauf und die Produktion ständig zu steigern. Es war Nordhoff, der letztendlich für den Durchbruch des Käfers verantwortlich war.

Unter Nordhoffs Regie wurde der Käfer nach und nach verbessert und verfeinert. Der laute, hoppelige und stumpf lackierte Käfer von 1948 erhielt als Exportmodell 1949 "eine Kultur der Ausstattung, die diesem Fahrzeug ganz neue Käuferkreise erschließen wird". Der Verkaufserfolg lies nicht lange auf sich warten. Bereits 1950 war das VW-Werk von den erwirtschafteten Gewinnen wieder vollständig instantgesetzt.

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