Warum ich einen alten VW-Käfer fahre

Dr. U. von Pidoll, Braunschweig

"Neapel wird modernisiert. Seine alten, grausigen Gassen werden eines Tages verschwunden sein. An ihrer Stelle werden breitere, saubere Straßen und helle, hygienische, moderne Siedlungen entstehen. Keine Wäsche mehr von Haus zu Haus quer über die Straße! Kein malerisches Neapel mehr!"

Diese Meldung las ich in einer Zeitung vom Oktober 1957. Was in Neapel geplant war, geschieht auch anderswo in Europa und ist nicht aufzuhalten. Malerische Altertümlichkeit verschwindet zugunsten zweckbestimmter Modernität. "Design" heißt das Zauberwort unserer Tage, und Heere von Designern sind an der Arbeit, um der Welt ein neues Gesicht zu geben: neue Wohnhäuser, neue Möbel, und natürlich auch neue Autos.

Die große Schlacht des modernen Designs ist in vollem Gange und eilt von Sieg zu Sieg. Und gerade deswegen spüren wir auf einmal inmitten unserer modernen Welt eine seltsame Freude am Altmodischen. Als Touristen photographieren wir im Urlaub die alten Ruinen, und nicht die modernen Gebäude. Zu Hause kaufen wir immer öfter auf dem Flohmarkt statt in Geschäften ein, wenn wir Krimskrams zum Ausschmücken der Wohnung brauchen. Und antike Möbel und alte Häuser erzielen Rekordpreise.

Plötzlich schmecken uns eben unsere modernen Dinge nicht mehr. Wir träumen von einer großzügigen alten Jugendstilvilla mit figurengeschmückter Fassade, verwinkeltem Grundriß und alten Möbeln, oder einem alten Bauernhaus, natürlich idyllisch mitten in der grünen Natur gelegen. Und genauso plötzlich passiert es, daß wir beim Betrachten einer Photoserie über die Entwicklung von Automodellen gerade ein älteres Modell für das schönste halten. Oder - Hand aufs Herz - finden sie zum Beispiel, daß der neue VW-Transporter T4 der optisch schönste Transporter ist, der je gebaut wurde? Ist es nicht vielmehr so, daß der ältere Transporter T1 bis 1967 weit mehr Individualität und Originalität darstellt?

Natürlich ist der neue Transporter viel praktischer und brauchbarer als der alte, doch je ähnlicher sich die modernen Fahrzeuge werden und dabei ein kühles, fast genormtes Aussehen annehmen, desto mehr freut sich unser Auge an den alten Formen, die aus dem Einheitsbrei des modernen Designs angenehm herausragen. Diese Schönheit der alten Formen sieht man am deutlichsten, wenn man sie auf einem Parkplatz als Kontrast zu dem Modernen wahrnimmt.

Doch das schöne Design allein erklärt nicht ganz den seltsamen Reiz von manchem Alten. Es kommt da nämlich noch etwas hinzu. Wir leben in einer Zeit, die geprägt ist durch das Verkaufen von Produkten. Überall, egal ob im Fernsehen, im Briefkasten oder auf der Straße, begegnet uns deshalb Werbung für Produkte. Unsere Gesellschaft lebt eben davon, daß viel verkauft und gekauft wird. Und genau aus diesem Grund wird uns von allen Seiten gepredigt, daß wir unbedingt das Neueste vom Neuen haben müßten. Müssen wir das wirklich? Ich glaube nicht.

Denken Sie zum Beispiel an Ihren Freundeskreis. Kämen Sie auf den Gedanken, ihren Freundeskreis ständig zu wechseln? Oder ist es nicht so, daß gerade einige ältere Freunde, die mit Ihnen durchs halbe Leben gegangen sind, Ihre liebsten Freunde sind? Da haben wir's. Der Mensch strebt eben nicht ständig nach Neuem, sondern er fühlt sich am wohlsten, wenn es in seinem Leben gewisse altbekannte, vertraute Dinge gibt.

Nur die Werbung bzw. die Mode hämmert uns ein, daß wir ständig etwas Neues benötigen. Eben immer das Neueste vom Neuen. Deshalb dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir manchmal erkennen, daß es schön ist, auch einmal nicht das Neueste zu besitzen, sondern uns an vertraute Dinge als Stütze in unserem Lebenskampf anzulehnen.

Doch es steckt noch mehr in den alten Gegenständen, mehr als ihre Form und ihre Beständigkeit gegenüber modischen Tendenzen. Es ist, als ob sie mit uns reden wollten, reden von dem früheren Leben und von der früheren Zeit, die in Ihnen konserviert wurde.

Wer die 50er Jahre miterlebt hat weiß, wie sehr ein Automobil damals der Wunschtraum aller Deutschen war, und was für ein überwältigendes Glücksgefühl in der Familie herrschte, als der Vater eines Tages dann ein Automobil kaufte, und war es auch noch so alt. Man war plötzlich wieder wer, denn man hatte es geschafft. Dabei war gerade der VW-Käfer der Wunschtraum der meisten Deutschen, denn er war damals das billigste vollwertige Auto und damit vom Preis her nicht in unerschwinglicher Ferne.

Ich muß immer an dieses Glücksgefühl von damals denken, daß ich nachempfinde, wenn ich um meine alten Käfer herumgehe. Ja manchmal sogar, wenn ich einen schlechten Tag hatte, setze mich einfach nur in einen meiner Käfer und lasse mich von ihm verzaubern. Denn auf mich wirken meine Käfer wie eine Zeitmaschine: Ich entfliehe der Gegenwart mit all ihren Sorgen in die Vergangenheit, als man noch überglücklich war, sich in so einen eigenen Wagen setzen zu können. Und wenn ich nach einer halben Stunde wieder aussteige, fühle ich mich glücklich und um Jahre jünger.

Es gibt zum Glück eine ganze Menge Leute, die hören nicht auf die Werbung sondern auf ihre innere Stimme und kaufen sich deshalb nicht ständig das Neueste. Sondern behalten das Alte. Zum Beispiel einen VW-Käfer. Und fahren diesen zum Teil über 40 Jahre bis zu ihrem Tod. Sind das Verrückte? Bestimmt nicht. Denn die Motive hierfür habe ich bereits alle angesprochen.

So ist der VW-Käfer - wie ich finde - ein ästhetisch schönes Auto, das jeder sofort erkennt. Er symbolisiert den Wunschtraum der Deutschen nach einen eigenen, vollwertigen Auto wie kein anderer, denn er stellte früher bis zu 50% aller Neuzulassungen dar. Und liefert auch aus diesem Grund ein ausgezeichnetes Substrat für Erinnerungen an "die gute, alte Zeit". Er war nie ein Auto, daß gekauft wurde, weil es nichts besseres gab, sondern wegen seiner außergewöhnlichen Wirtschaftlichkeit und seiner billigen Reparaturen. "Er läuft, und läuft und läuft ...", wie es so schön in der Werbung hieß.

Diese Wirtschaftlichkeit und die geringe Reparaturanfälligkeit ist auch heute noch einer seiner besten Tugenden. Der VW-Käfer zeigt sich auch nach Jahren als ein alltagstaugliches Fahrzeug für Ausflüge, und wenn es sein muß, auch Urlaubsreisen. Und kann durch Einbau von Sicherheitsgurten auch hinsichtlich der inneren Sicherheit noch mithalten. Da nimmt man seine Windempfindlichkeit und seinen schlechten Geradeauslauf bei Spurrillen gerne in Kauf.

Natürlich gibt es auch noch andere Autos aus der damaligen Zeit, die mir gefallen. Aber ich kann mir keines von diesen Autos leisten. Denn sie sind nicht für wenige Tausendmarkscheine zu kaufen, und auch nicht so billig wie der Käfer zu restaurieren. Und restauriert bestimmt nicht so zuverlässig wie der Käfer. Mag sein, daß ich eines Tages zu Geld komme und eines dieser Autos kaufe. Aber ich habe ich mich schon so an den Käfer gewöhnt, daß ich immer einen in meiner Garage haben werde.

Zurück zur letzten Seite